Manchmal scheint der Lebensweg glasklar: Studium, Job, Sicherheit. Und dann macht das Leben die Tür einen Spalt auf – ein Mentor hört auf, ein Laden wird frei, eine Chance taucht auf, die man nur einmal bekommt.
Genau da ist Recklinghausen gerade. Eine neue Generation übernimmt Tresen, Imbisse, Traditionskneipen. Zwischen Kalkül und Bauchgefühl wächst eine Gastro-Szene heran, die zeigt: Zukunft kann richtig lecker sein.
Krombacher Novelle: Aus Alt mach' ... ein bisschen jünger
Eigentlich wollte Tobi Klahs Lehrer werden. Germanistik und SoWi, so der Plan. Aber wer über 15 Jahre in derselben Kneipe arbeitet, kennt irgendwann nicht nur jeden Zapfhahn, sondern auch die Menschen dahinter. Und als der alte Wirt Peter Gille andeutete, dass die Novelle irgendwann einen neuen Kapitän braucht, war Tobis Antwort kein Businessplan, sondern ein Gefühl: „Warum soll ich nicht was machen, was mir immer Spaß gemacht hat?” Im Jahr 2022 startete der damals 29-Jährige rein in die Selbstständigkeit: null Rücklagen, volle Verantwortung, und das mitten in einer Zeit, in der Gastro alles andere als sicher wirkte. Doch die Rechnung ging auf. Die Stammgäste blieben, das Wochenende ist voll. Tobi hat den Laden Schritt für Schritt angepasst. Kartenzahlung, ein paar neue Drinks, hier und da ein frisches Bild, ohne aber das Urige anzutasten.
Ohne Hilfe schafft man so eine Mammutaufgabe bekanntlich nicht und die fand Tobi vor allem bei seiner Familie. Ob mal eben Gläser vorbereiten, spontan einspringen oder einfach nur zuhören – der Rückhalt zu Hause sorgt dafür, dass die Novelle nicht nur sein Job ist, sondern etwas, das sich gut anfühlt.
FrittierBar: Aus „Vielleicht mal“ wurde „Machste jetzt“
Als Anil Adalan – heute 34 – aus dem Auslandsstudium zurückkam, merkte er schnell: Wirtschaftsrecht fühlt sich nicht nach Zukunft an. Kochen dagegen schon immer. Und genau in dieser Phase passierte etwas, das er selbst als „Schicksalsfügung“ beschreibt: Der Kult-Imbiss Döveling in Recklinghausen-Süd, bei dem Anil schon ewig Stammkunde war, schloss. Als die Besitzerin ihm die Möglichkeit gab, ihr berühmtes Gewürz weiterzuverwenden, war für Anil klar: „Wenn ich etwas Eigenes starte, dann damit.“ 2022 eröffnete Anil die FrittierBar an der Herrenstraße 10, mit null Gastro-Erfahrung, aber maximal Bock. Heute läuft die FrittierBar so gut, dass Anil viele Gäste beim Namen begrüßt.
In der FritteirBar arbeitet ein motiviertes zehnköpfiges Team, sammt Küchenchef aus der Sterneküche. Risiko? Enorm. Chance? Ebenfalls. Jung zu gründen bedeutet für ihn: Energie, Mut, kreative Freiheit und die Fähigkeit, einfach mal zu machen, bevor man sich zu Tode grübelt. Und in fünf Jahren? Wünscht sich Anil vor allem eines: einen Laden, der stabil läuft, ihm auch mal ein freies Wochenende gönnt und ganz vielleicht auch eine Expansion in ein paar weitere Städte.
Evia: Weit weg vom Ouzo-Klischee
Der Wunsch nach Selbstständigkeit war bei Vasileios und seiner Frau lange da. Ein Gedanke, der wächst, bis kein Weg mehr daran vorbeiführt. Ganze 15 Jahre arbeitete der heute 34-Jährige in der Gastronomie, führte Teams, plante Abläufe, schmiss ganze Läden – nur eben immer für andere. Irgendwann sagte sie den Satz, der alles kippte: „Du kannst das längst. Also mach es endlich für dich.“ Einfach war der Weg nicht. Banken winkten ab, Kredite gab es nicht. Doch aufgeben? Keine Option. „Sonst läufst du ein Leben lang mit dem Gedanken rum: Was, wenn ich es doch versucht hätte?“ Also entschieden sie sich für das Risiko. Als der alte Bürgerhof an der Steinstraße frei wurde, schien das wie ein Wink des Himmels. Also: raus aus Hannover, ab nach Recklinghausen, kopfüber in den Betrieb. „Herzblut ist das, was zählt“, sagt Vasileios. Und Herzblut steckt auch im Laden, das spürt man.
Evia ist kein Klischee-Grieche, sondern modern interpretierte Küche, feine Meze, guter Wein und hoher Anspruch. Belohnt wurde das Konzept mit einem herzlichen Empfang der Recklinghäuser Gastro-Liebhaber. Für die Zukunft wünscht sich das Ehepaar schlicht: „Das es genauso gut weitergeht, wie es angefangen hat.“