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Chefsache: Recklinghausen
Foto: Marco Stepniak

Chefsache: Recklinghausen

Lesedauer: ca. 3 Min. | Text: Stefan Prott

Von Rathaus bis Trabrennbahn: Axel Tschersich erklärt, wie digitale Prozesse, neue Quartiere und Bildungsinvestitionen die Arbeit von morgen prägen sollen.

Zurück in Recklinghausen – wie haben Sie Ihren ersten Tag als Bürgermeister im Rathaus erlebt?

Mein erster Tag begann entspannt um Viertel vor neun und fühlte sich sofort an wie Heimkommen: vertraute Gesichter und direkt die erste Ratssitzung. Seither gab es viele Sitzungen und Gespräche über Projekte, die ich alle kannte – inklusive der Ernüchterung, dass manche, wie die Breite Straße, nach zweieinhalb Jahren noch immer kaum vorangekommen waren. Jetzt, als Bürgermeister, kann ich selbst gestalten. Und ich erlebe hier eine sehr respektvolle Verwaltungskultur.

Wie wollen Sie die Verwaltung neu aufstellen?

Der erste Schritt war, im Bürgermeisterbüro Papier nahezu abzuschaffen und die Prozesse digital abzubilden. Im Verwaltungsaufbau habe ich Zwischenebenen wie Stabsstellen und sehr kleine Fachbereiche in den schlanker werdenden Verwaltungsaufbau integriert. Ich setze grade mein Wahlversprechen um, die Wirtschaftsförderung zur Chefsache zu machen, und werde dies gemeinsam mit der Kämmererin betreuen.

Was wollen Sie in diesem Bereich verändern oder justieren?

Ich will nichts neu erfinden, sondern schärfen. Die Wirtschaftsförderung in Recklinghausen ist eine der besten im Ruhrgebiet. Stabil wird eine Stadt, wenn Wohnen, Arbeiten, Dienstleistungen und Freizeit in Quartieren enger zusammengedacht werden – Mixed-Use-Quartiere statt Trennung nach Funktionen. Dazu gehören ganz konkret Projekte wie die Entwicklung der zukünftig ehemaligen Polizeiunterkunft. Bestände neu denken, Nutzungen mischen, Netzwerke knüpfen. Standortentwicklung – das ist für mich zeitgemäße Wirtschaftsförderung. Hier werden künftig alle größeren Projekte koordiniert.

Wie sieht für Sie echte Digitalisierung aus – im Rathaus und in Recklinghausen?

Ein analog schlechter Prozess wird nicht besser, nur weil er digital erfolgt. In Recklinghausen kann man heute schon vieles online erledigen – aber zu wenige wissen, dass wir über das Serviceportal auf unserer Homepage bereits 247 Dienstleistungen digital anbieten. Wir werden also interne Abläufe prüfen, automatisieren und so Beratung statt Routinearbeit ermöglichen und gleichzeitig besser kommunizieren, welche Online-Angebote es gibt. Alle Vorgänge müssen wie in Unternehmen gedacht werden: Marketing, also Zielgruppen zu identifizieren und Vermittlung des Themas, gehört von Anfang an dazu.

Das Wohnquartier auf dem Trabrennbahn-Areal ist das größte Stadtentwicklungsprojekt. Sind hier Justierungen nötig?

Die Grundsätze sind zu erhalten. Auf der Interessentenliste für die Trabrennbahn stehen über 3.000 Menschen – viele wissen aber kaum, wie das Wohnen dort konkret gedacht ist: autoarm, klimafreundlich. Wir müssen diese Merkmale und das gesamte Lebensumfeld viel klarer erklären, damit Erwartungen realistisch bleiben und niemand enttäuscht wird. Wenn dort vor allem Menschen von außerhalb einziehen würden, stellt sich die Frage, wie sehr das Quartier eigentlich den Recklinghäuserinnen und Recklinghäusern zugutekommt – auch das müssen wir offen diskutieren.

Wo drückt die Menschen – besonders in der Südstadt – aus Ihrer Sicht am meisten der Schuh?

Im Kern sind die Menschen mit ihrer Stadt zufrieden, aber sie erwarten zu Recht, dass nach all den Beteiligungsrunden für die Südstadt endlich das Gummi auf die Straße kommt. Gerade in der Südstadt ist die Ungeduld groß. Man muss ehrlich sagen: Die Bochumer Straße wird nie eine Flaniermeile. Sie ist schlicht zu eng, um Fuß-, Rad- und Autoverkehr, Gastronomie und Bäume gleichermaßen unterzubringen. Die Wirtschaftsförderung ist nun mit einem Stadtteilmanager vor Ort, der ähnliche Aufgaben und Kompetenzen wie der Altstadtmanager hat und von mir gestärkt wird.

Wie prägt das Ergebnis mit 19 Prozent AfD Ihren politischen Alltag als Bürgermeister?

Das Dilemma ist doch: Alles, was gut läuft, wird als selbstverständlich hingenommen. Alles, was schlecht läuft, ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die das System grundsätzlich ablehnen. Wir haben derzeit eine sehr harmonische Situation zwischen SPD und CDU – trotz des üblichen Wahlkampfgeplänkels. Darauf setze ich: eine stabile Mehrheit, die gut miteinander arbeitet und die Arbeit gut auch in den Stadtteilen kommuniziert.

Sie sind für kostenlose Kita-Plätze angetreten. Ist das machbar?

Uns werden immer wieder von Bund und Land Aufgaben übertragen, ohne dass deren Finanzierung dauerhaft gesichert ist, am Ende müssen wir vieles selbst bezahlen. Trotzdem halte ich an diesem Ziel fest: Bildung muss kostenfrei sein, und dazu gehört für mich nach wie vor die Abschaffung der Kita-Gebühren. Das ist aber nur ein Baustein. Wir müssen insgesamt mehr Geld ins System geben: in Kitas, Offenen Ganztag, Bildungsinfrastruktur. All diese Bereiche sind unterfinanziert, und daran ändert ein einzelnes Paket von Bund oder Land nichts Grundsätzliches.

Info
Stadt Recklinghausen

Rathausplatz 3/4
45657 Recklinghausen

www.recklinghausen.de

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